Buchbesprechung „Hearing Stories“

Buchbesprechung

Rainer Hüls/ Martin Schaarschmidt: HEARING STORIES – Geschichten, Gespräche und Gedichte über das Hören

Innocentia Verlag Hamburg, 2012, 390 Seiten
ISBN 978-3-9808107-5-3

Das Buch HEARING STORIES enthält – wie es im Titel angekündigt wird – Geschichten, Gespräche und Gedichte über das Hören. Das klingt zunächst wenig spektakulär, denn Veröffentlichungen mit Erlebnisdarstellungen über das Hören sind inzwischen keine Rarität mehr wie noch vor wenigen Jahren.

Was ist dieses Buch auszeichnet, ist die Vielseitigkeit und Unterschiedlichkeit der Themen. Für die Gespräche konnten fachlich sehr kompetente Personen, z.B. Professoren, Wissenschaftler, Künstler, Politiker und auch Forscher, gewonnen werden, wodurch sich eine sehr hohe Qualität der Interviews ergab. Sie haben alle mit dem Hören zu tun und dennoch – vieles davon war auch mir unbekannt, obwohl ich mich mit diesem Themenbereich bereits seit vielen Jahren beschäftige.

Im Folgenden möchte ich versuchen, anhand von Beispielen einen Einblick in die Themenvielfalt zu geben, denn die sehr unterschiedlichen Abhandlungen lassen sich in einer Rezension nicht in ihrer Gesamtheit darstellen, das würde den Rahmen sprengen.

Ein Thema haben die Autoren mehrfach behandelt – das wichtige Thema Musik. Ganz offensichtlich lieben beide Autoren Musik sehr und widmen sich dieser Materie von ganz verschiedenen Seiten. Gleich zu Beginn des Buches geht es um das – leider geringer werdende – Singen in der Familie, aber auch um Fangesänge im Fußballstadion, mit denen die Heimmannschaft zum Sieg getrieben werden sollen, die zugleich aber auch ein tolles Gemeinschaftserlebnis darstellen. Mit besonderem Gespür wird das sehr sensible Thema „Trauermusik bei Beisetzungen“ behandelt.

Das Buch enthält immer wieder Interviews mit unterschiedlichen Musikschaffenden wie Udo Jürgens, Bill Ramsey und Gitte Haenning oder Berichte über schwerhörig gewordene Musiker wie dem „Who“-Gitarristen Pete Townshend, dem Schlagzeuger Gunnar Ritter, dem Pianisten und CI-Träger Richard Reed und der tauben Schlagzeugerin Evelyn Gleenie. Hinzu kommen Interviews mit einem Musikproduzenten, der die Probleme der heutigen Musikindustrie beleuchtet, einem Klangkünstler, der die Emotionen beim Musikhören behandelt und dem Besitzer eines Plattenladens, der über die Vorzüge von Platten aus Vinyl gegenüber den CD-Silberlingen sinniert.

Etliche Liedtexte mit dem Stichwort „Listen“, u.a. von Buddy Holly, den Beatles und den Rolling Stones runden das musikalische Thema ab, aber auch zum Thema passende Gedichte bekannter Dichter wie Goethe, Rilke, Ringelnatz oder Thomas Mann reizen zum Nachdenken.

Auch die Themen „Sprechen“ und „Sprache“ nehmen breiten Raum in diesem Buch ein. Die Wirkung der Sprache wird von einem Kommunikationswissenschaftler erörtert, während der Schauspieler Mario Adorf aus der Praxis im Theater berichtet. Der Autor von Jugendliteratur berichtet zu beachtende Besonderheiten bei seiner Klientel. Viele Geräusche in Film und Fernsehen werden von einem „Geräuschemacher“ künstlich erzeugt, z.B. wird von der Tonerzeugung einer „deprimiert knarrenden Tür“ in einem Stück von Beckett berichtet.

Die Wichtigkeit guten Hörens wird in einem Bericht über blinde Fußballer eindrucksvoll verdeutlicht.

Die Berichte über die Hörgeräteversorgung von Altkanzler Helmut Schmidt, über die CI-Versorgung von Ex-Ministerpräsident Günter Beckstein und über das Treffen von Rainer Hüls mit dem unvergessenen Rudi Carrell haben mir sehr gefallen. Besonders aber gefreut hat mich der Bericht über die Studentin Pia-Celine Delfau (Trägerin von 2 Cochlea-Implantaten), die ich vor einigen Jahren selbst kennen gelernt habe.

Dieses großartige Buch kann ich allen Menschen sehr empfehlen, die sich mit dem Thema „Hören“ beschäftigen und dazulernen wollen.

© Rolf Erdmann, Linzer Str. 4, 30519 Hannover, Tel./ Fax: 0511/ 83 86 523, e-Mail: erdmann.rolf@gmx.de

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